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"So ein Blödsinn!"

"So ein Blödsinn!" - Diese Worte lese ich unter einem Artikel, den ich am Morgen voller Freude auf FB geteilt habe. Ich habe ihn weiterempfohlen, eine klare Leseempfehlung ausgesprochen. Und jetzt das. "So ein Blödsinn!", kommentiert eine meiner FB-Freundinnen. Ich starre auf den Bildschirm und schlucke. "Sie greift mich an." Das ist der Gedanke, der sofort in mir präsent ist. Ein alter Bekannter. Eigentlich könnte ich ihn auf eine Tasse Kaffee einladen und mit ihm über vergangene Zeiten plaudern. Über Situationen, in denen ich starr vor Angst geworden bin, wenn ich ihn geglaubt habe, in denen meine Stimme zittrig geworden ist und ich meinem Gegenüber alle Macht der Welt gegeben und mich klein gemacht habe. Und in denen ich mich auch total abhängig von der Gunst des anderen gefühlt habe und unbedingt wollte, dass alles zwischen uns wieder gut ist, um mich endlich wieder entspannen zu können. - Da ist er also wieder, mein lieber alter Bekannter. "Sie greift mich an." Ist dieser Gedanke wahr? "JA!", möchte ich fast schreien. Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist? "Sie greift mich an." Nein, das kann ich nicht.

Ich mache meine Work. Spüre nochmals alles durch. Fühle die aufsteigende Panik, die Angst, das Unwohlsein, die Abhängigkeit, das Kleinsein, den Druck mich rechtfertigen zu wollen, wenn ich den Gedanken glaube.

Und ohne den Gedanken? Wer wäre ich ohne den Gedanken "Sie greift mich an.", wenn ich den Kommentar lese?

Ohne den Gedanken lese ich die Worte und ein "Aha" ist in mir. Und es ist auch nur ein Kommentar von mehreren. Ich mache ihn nicht größer, als er ist. Und was ich auch in mir finden kann: Ich kann die Reaktion meiner FB-Freundin gut nachvollziehen. Der Artikel kommt nämlich wirklich aus einer Ecke, die ganz anders ist, als ich es bisher gekannt habe. Genau deshalb hat er mich angesprochen. Ziemlich lebendig fühlt es sich in mir an, wenn ich den Gedanken nicht glaube. Und ich habe weiterhin irrsinnig viel Freude mit dem Artikel und damit, dass ich ihn geteilt habe. Und was hat der Kommentar nun mit mir zu tun? - Nichts. Ohne den Gedanken bin ich die Frau, der der Artikel gefällt, die er zum Nachdenken anregt. Bei anderen Menschen löst er eben anderes aus. Und was ich auch in mir finde: Gott sei Dank! Wie gut, dass es genau so ist und nicht anders. Wie farblos wäre meine Welt, würden die Menschen in meinem Leben meine Meinung immer teilen. - Spannend, was es da zu entdecken gibt, wenn mein lieber alter Bekannter, die Bühne wieder verlassen hat. Ob er wiederkommen wird? Vielleicht. Vielleicht sogar bestimmt. Und vielleicht lade ich ihn das nächste Mal wirklich auf einen Kaffee ein und wir plaudern mal ganz ungezwungen miteinander. Wie zwei alte Freunde. Irgendwie sind wir das ja.

 

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