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Die Angst Fehler zu machen

Mein Kind ist ein Versager. Das wurde mir klar, als der kleine Mann laufen lernte. Er saß auf dem Boden, auf seinem kleinen Windelpopo. Und dann: Er beugte sich nach vorne, stützte sich auf seine kleinen Ärmchen, der Windelpopo wanderte nach oben ... ich hielt den Atem an. Würde er eine tolle Performance abliefern oder würde er jetzt zum ersten Mal in seinem Leben so richtig versagen? Ich mache es kurz. Die kleinen Beinchen wackelten, kaum hatte er ein Beinchen nach vorne gesetzt: Puff. Er fiel auf den Popo. Der kleine Versager. Nicht mal einen Schritt hatte er geschafft. Was für eine Enttäuschung für mich als Mutter.

 

Wie geht es dir, wenn du diese Zeilen liest? Krampft sich in dir alles zusammen? In mir tut es das. Wie furchtbar, so einen Blick auf ein kleines Kind zu haben, das gerade dabei ist, laufen zu lernen. Nicht wahr?

 

Und jetzt erzähle ich, wie die Geschichte wirklich ablief. Also. Mein kleiner Sohn saß auf dem Boden,  auf seinem kleinen Windelpopo. Er beugte sich nach vorne und stützte sich auf seine kleinen Arme. Ich hielt den Atem an. Ich sah es in seinen Augen. Gleich würde er es tun. Das, wozu er in den letzten Tagen schon öfter angesetzt hatte. - Der Windelpopo wanderte nach oben. Mein Einjähriger war dabei aufzustehen. Ich atmete tief durch. Langsam setzte ich mich neben ihn. Nicht zu nahe und nicht zu weit weg. So, dass er genug Raum für sich hatte UND dass ich schnell meine Hand ausstrecken konnte, sollte es brenzlig werden. Die kleinen Beine wackelten, die Ärmchen ruderten in der Luft und dann stand er plötzlich und strahlte mich mit seinen großen blauen Augen an. Und ich strahlte zurück und meine Stimme klang ganz hoch: "Ja, toll machst du das! So toll! Schau, wie toll du das machst! Schau, was du alles kannst! ..." Und dann setzte er das erste Beinchen vor das andere und die Worte der Zustimmung sprudelten weiter aus mir heraus. Es war magisch. Auch das "Puff", als er auf seinen kleinen Windelpopo zurückfiel. Und was sagte ich? "5, setzen, danke? Furchtbare Performance? Der erste Fehler war, dass du dir das zugetraut hast, der zweite, dass du es versucht hast und der dritte lag wohl an der Tatsache, dass deine Beinchen zu wenig stabil für dieses Unterfangen sind?" Nein. Ich applaudierte meinem Kind und ich ermutigte es, wieder aufzustehen. Und der Kleine stand auch wieder auf. Sowieso. Und ein paar Tage später lief er mir auf seinen kleinen Beinchen direkt in die Arme. 

 

Warum erzähle ich das? - Weil ich denke, dass es nicht nur mir so ergangen ist, als mein Kind laufen gelernt hat. Bestimmt bist du auch übergesprudelt vor Stolz und vor Begeisterung. Bestimmt bist du auch auf dem Boden gesessen, hast deine Arme nach deinem Kind ausgestreckt und konntest nicht aufhören es zu loben und zu motivieren. Und wenn du nicht Mutter oder Vater bist, fällt dir bestimmt eine Situation ein, in der du dich genau so gefühlt hast: voller Stolz, bereit aus ganzem Herzen zu unterstützen. In der du keine Fehler gesehen hast. In der das Hinfallen kein Scheitern war, sondern Teil des Prozesses, um zu lernen und zu wachsen. Um so richtig gut zu werden. Nie wärst du auf die Idee gekommen, von deinem Kind oder demjenigen, dem deine Unterstützung zuteil wurde, zu verlangen sofort alles hundertprozentig richtig zu machen. Weil es einfach so offensichtlich ist, dass das weder möglich ist noch gefragt. Weil Hinfallen, weil Innehalten, weil auch Stagnation und Rückschritte Teil des Prozesses sind. Weil es einfach keine Fehler gibt.

 

Die Angst zu "scheitern" und "Fehler zu machen" begleitet viele Menschen, mich auch. Und ich überprüfe meine stressigen Gedanken dazu. Ohne diese Arbeit wäre ich nicht dort wo ich heute bin. Ich würde vieles in meinem Leben nicht umsetzen, aus Angst zu scheitern. Und auch wenn sich in meinem Leben schon sehr viel verändert hat, gibt es doch immer wieder Situationen, in denen genau diese Angst wieder aufpoppt. In denen ich demotiviert bin und meine Projekte und Vorhaben am liebsten in die Ecke schleudern möchte. - Kennst du solche Situationen? Und jetzt schließt sich der Kreis. Wie schön wäre es genau in so einem Moment, die Mutter für sich selbst zu sein, die man damals für sein Kind gewesen ist, als es ein wackeliges Beinchen vor das andere gestellt hat, um laufen zu lernen. Unterstützend, liebevoll, voller Stolz und motivierend. - Spüre das mal! Wow, was für ein Gefühl! Genau so möchte ich auf mich blicken, wenn es mich das nächste Mal auf den Hintern setzt. Und dann bin ich gespannt, wie schnell ich wieder auf den Beinen bin. Und irgendwann - da bin ich mir ganz sicher - weiß ich nicht nur, dass es keine Fehler gibt, dann spüre ich es auch.

 

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