· 

Wer sucht, der sucht lange!

Heute sollte der Tag sein, an dem die Alltagsheldin ihre Küchenvorhänge wieder aufhängen wollte. Die Katzenkinder waren nämlich aus dem Gröbsten raus. Das hatte die Alltagsheldin zumindest beschlossen und den Küchenvorhängen eine gute Überlebenschance eingeräumt. – Da stand sie also in ihrem begehbaren Schrank und fischte die Vorhänge aus dem hintersten Regal. Dem Regal, in das sie sie im Frühling liebevoll hineingepfeffert hatte. Sie holte also die Vorhänge hervor und auch das Nähzeug. Die Katzenkinder hatten sich nämlich bereits an zwei, drei Stellen im feinen Stoff verewigt und die galt es nun zu finden und zu reparieren. Die Alltagsheldin nahm also einen Vorhangteil nach dem anderen hoch, drehte und wendete ihn und nähte mit Nadel und Zwirn, was – Gott sei Dank – ganz gut zu nähen war. Bis sie stutzte. Vor ihr lagen NUR vier Seitenteile. Und das bei vier Fenstern. Alter Schwede. Das ging sich bei zwei Seitenteilen pro Fenster rein rechnerisch im Leben nicht aus! Wo waren denn bloß die anderen vier Stück abgeblieben? Die Alltagsheldin jappelte vom Schlafzimmer zurück in den begehbaren Schrank und suchte nochmals das Regal ab. Da war nix. Sie öffnete die Schranktüren, streckte und reckte sich, schob Hosen und Blusen zur Seite und bückte sich. Nichts.

"Alltagsheldin, Alltagsheldin, wie hast du das nur wieder hinbekommen? Anscheinend liebst du es, dir selbst ein Haxl zu stellen. Jetzt darfst du gut suchen!", dachte die Alltagsheldin, während sie eine neue Runde im begehbaren Schrank drehte. Normalerweise zögerte die Alltagsheldin ja im Falle eines unvorhergesehenen Verschwindens keine Sekunde, gedanklich ihre Lieben der Tat zu bezichtigen. Doch in diesem Fall? Weder ihr Mann noch die Kinder vergriffen sich freiwillig an Vorhängen. Die Alltagsheldin musste sie also tatsächlich selbst vor sich versteckt haben. Doch nur, wo? Sie jappelte wieder zurück ins Schlafzimmer und zählte nochmals ordentlich durch – so, als hätte sie das nicht eh schon drei Mal getan: "Eins, zwei, drei und vier." Jop. Eindeutig. Es wurden nicht mehr. Es waren nur vier Vorhänge, die vor ihr auf dem Bett lagen. Sie atmete schwer. Wo zum Geier waren die anderen vier abgeblieben? Wo hatte sie die hingetan? Was sollte sie jetzt tun? Hm. „Denk nach, Alltagsheldin, denk nach!“ Und da kam ihr auch schon die Idee! Gesucht hatte sie ja jetzt schon. Nun war es eindeutig an der Zeit, mit dem Suchen aufzuhören und mit dem Finden zu beginnen! Die Alltagsheldin fasste sich also ein Herz und sagte zu sich: "So verwirrt, dass ich meine Vorhänge irrtümlich in der Altkleidersammlung entsorgt hätte, bin ich noch nicht. Die Kinder haben sie auch nicht klammheimlich entwendet. Die vergreifen sich an Vorhängen genauso wenig wie am Müll. Also sind sie hier, irgendwo. Und ich finde sie." Dann ging sie entschlossen zurück in den Schrankraum und öffnete einen Schrank nach dem anderen. Langsam, bedächtig, der Reihe nach. Sie bückte sich und streckte sich – einmal, zweimal, dreimal und siehe da: Im vierten Kastl, ganz oben, dort wo die alten Schulbücher und Röntgenbilder zu finden waren, lugte ihr ein Häufchen feiner, mit Spitze besetzter Stoff entgegen. "Geht ja", grinste die Alltagsheldin in sich hinein und fischte die Seitenteile flugs zu sich herunter. Etwas finden zu gehen, war eben viel besser als etwas suchen zu gehen. – Das hatte sie das Leben ja schon in vielen anderen Situationen gelehrt. Nur manchmal … ja manchmal vergaß sie halt darauf.

*****

Möchtest du mehr Klarheit und Leichtigkeit in dein Leben bringen? Hier geht's zu meinem Angebot >>> 

 

Du möchtest keine AlltagsheldInnen-Geschichte verpassen? Melde dich für meinen Newsletter an >>>

Kommentar schreiben

Kommentare: 0